Helmut Lohmann
Geschichte der Gemeinde Dörverden

Geologie und die Geographie
Gewaltige Naturkräfte gestalteten das Gesicht unserer Heimat. Vor mehreren hundertausend Jahren haben sich riesige, bis zu über 1000 m dicke Eismassen (Gletscher) von Skandinavien über Norddeutschland bis an das Deutsche Mittelgebirge vorgeschoben. Die Wissenschaft kann belegen, dass es in unserem Gebiet 3 Eiszeiten gegeben hat.

Wo nach der letzten Eiszeit um 130.000 v. Chr. die Eisriesen abschmolzen, blieben die an der Stirn aufgeschobenen Erdwälle als "Endmoränen" und die anderen herbeigeschleppten Massen als "Grundmoränen", liegen.

Gewaltige Wassermassen sammelten sich in z.T. viele Kilometer breiten flachen Tälern(Urstromtälern) und flossen in nordwestlicher Richtung dem Meer zu. Aus zahllosen Mulden und Rinnen, die das Eis ausgeschürft oder das Schmelzwasser ausgestrudelt hatte, wurden Seen und Bäche. In abflusslosen Niederungen entstanden Moore oder Sümpfe.

Die bis zu 21 km breite Weser-Aller-Niederung ist ein altes Urstromtal, in dem sich die Schmelzwässer sammelten und abflossen.

Das Aller-Weser-Dreieck, der Name sagt es, wird von den Flüssen Aller und Weser umschlossen. Die südliche Grenze ist die Kreisgrenze zum Landkreis Nienburg.

Drei Landschaftstypen geben unserer Gemeinde das Bild:
- die Eystrup-Dörverdener Dünenterrassen,
- die Aller-Talsand-Auen ,
- die Stedorfer Lehmplatte.

Die Stedorfer Lehmplatte geht bis Stedebergen in eine hochwassergefährdete Niederungsmulde über.

Diese Mulde wird heute durch künstliche Aufschüttungen. (Deich, Straße und Eisenbahn) überbrückt. Der diese Niederung durchziehende Überlandweg Verden-Dörverden-Nienburg war im Mittelalter das Einfallstor zur Stader Geest und zur Elbe.

Die ursprünglich ausgedehnte Laubwaldbedeckung dieser Landschaft wurde im frühen Mittelalter in die Auewaldzone, in das Bruch und auf die Dünenterrassen zurückgedrängt. Alte Waldbezeichnungen klingen in Flurnamen nach wie z.B. Loh und Lohof, Wiehbüsche, Barnstedter Holz, Westener Ahe.

Der inzwischen erkannte Raubbau durch Rodung wurde 1852 gestoppt. Es kam von da an sogar zu einigen Aufforstungen.

Die Dörfer bevorzugten als Standort den hochwassergesicherten Geestrand und die Geestplateaus, welche innerhalb der Flußaue aus der Lehmdecke hervorragen. Sie liegen am Schnittpunkt des feuchten Grünlandes und des trockeneren Geestlandes. Die Hofe drängten zu dichten Haufendörfern zusammen.


Geschichtliche Perioden

Einleitung

Die frühe Besiedlung des Raums ist durch heute noch zahlreich vorhandene Hügelgräber (angelegt etwa in der Zeit von 2000 v. Chr. bis 1400 v. Chr.) nachgewiesen. So wird es als wahrscheinlich behauptet, dass der alexandrinische Geograph Ptolemäus im 2. Jh. n. Chr. in einer Erdbeschreibung Dörverden mit der Bezeichnung "Tulifurdon" erwähnt hat. »Verden nimmt das auch für sich in Anspruch!«

In den Jahren 1956-1958 durchgeführte wissenschaftliche Ausgrabungen in einer Weserranddüne an der B 215/Einmündung des Barmer Weges hatten zum Ergebnis, dass der dort gefundene Friedhof offensichtlich seit der frühesten Eisenzeit (etwa 800 v. Chr.) bis zum 10. Jh. nach Chr. belegt worden ist.

Grabungen am Gemarkungsrand Westen/Hülsen (1989) kamen zum Ergebnis, dass die dortigen Funde auf einen Siedlungsbeginn um Christi Geburt hinweisen.

Sicher dürfen wir davon ausgehen, dass wegen der Nähe der Flüsse Weser und Aller auch schon viel früher Menschen in diesem Raum gelebt haben.

Frühgeschichte

Ur- und frühgeschichtliche Grabhügel bilden einen kennzeichnenden Bestandteil der Landschaften Niedersachsens.

Mehrere Hügelgräber befinden sich in der Gemarkung Diensthop links und rechts der heutigen Eisenbahnstrecke. Einzelne wurden in den Gemarkungen Barme, Dörverden sowie um Diensthop herum gefunden.

Bei der schon erwähnten Grabung in Hülsen fand man Hinweise auf ein Langhaus und Grubenhäuser aus der älteren Kaiserzeit (um Christi Geburt).

Erste urkundliche Hinweise gibt es von 1059/1060 zu der Ortschaft Dörverden.

Ab dieser Zeit mehren sich dann urkundliche Hinweise auf die Dörfer im heutigen Bereich der Gemeinde Dörverden.

Mittelalter

Aus dem späten Mittelalter gibt es Dokumente, die vom Kampf mit dem Hochwasser und ersten Deichbaumaßnahmen berichten. Der heutige Gemeindebereich hatte schon zu alter Zeit Bedeutung durch die hier von Norden nach Süden führende "Heerstraße durch die große Marsch". Auf dieser Straße zogen die Franken gen Verden, wanderten Pilger nach Süden, tummelte sich in unruhigen Zeiten viel Kriegsvolk.

In späteren Zeiten treffen im Weser-Aller-Dreieck die politischen Interessen des Bistums Verden, des Herzogtums Lüneburg und der Grafen von Hoya aufeinander, die mit dem Rezess von 1575 beigelegt werden.

Die Schnedensteine (im Volksmund in Verkennung ihrer ursprünglichen Bedeutung meist "Schwedensteine" genannt) künden in der Diensthoper Forst, bei Westen und in Hülsen von der geschichtlichen Vergangenheit.

Ab 1681 existiert das braunschweigisch-lüneburgische Amt Westen-Thedinghausen (vorher: Verwaltungsbezirke Vogtei Dörverden und Marschkirchspiel
(1)), bis 1705 im Fürstentum Lüneburg, ab 1705 im Kurfürstentum Hannover. 1852 - 1859 Amt Westen, daneben Amtsgericht Westen.

1681 zog der erste lüneburgische Amtmann in den Gutshof in Westen ein. Seine Machtbefugnisse waren groß. Er war zuständig für den Vollzug der herzöglichen Verordnungen, die polizeilichen Ermittlungen, die Rechtsprechung und den Strafvollzug, er zog Steuern ein, entschied über die Vergabe von Höfen, besaß ein Mitspracherecht in Kirchen- und Schuldingen.

Seine Einkünfte bezog er aus dem Wirtschaftsbetrieb des Gutes, dessen Ländereien in Westen, teilweise in Hönisch, Dörverden und Hülsen lagen. 1681 baute er ein Brauhaus, das besonders hohe Einkünfte abwarf, weil es eine Monopolstellung einnahm.

Der Amtmanns-Sitz hatte großen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung und das soziale Gepräge des Dorfes Westen.

Das Amt gehörte ab 1705 zum Kurfürstentum Hannover, war im 7-jährigen Krieg (1756-1763) 7 Monate von Franzosen besetzt. Plünderungen und viele andere Belastungen setzten in dieser Zeit der Bevölkerung stark zu.

Noch während des 7-jährigen Krieges wurde das heute noch existierende Amtshaus 1761/62 fertig gestellt - ein spätbarocker schloßartiger Backsteinbau mit Sandsteingliederung.

1859 wurde das Amt Westen aufgelöst und sein Bezirk dem Amt Verden unerstellt. Mit dem 1.1.1885 ging das Amt Verden im neu geschaffenen Kreis Verden auf.

Neuzeit

Die "Neuzeit" brach an mit Planung und Bau einer Eisenbahnlinie in den Jahren 1846/47. Den bisher wichtigen Verkehrswegen, den Flüssen Weser und Aller sowie den Landstraßen kam durch den Bau der Eisenbahn zwischen der großen Städten Bremen und Hannover nun eine andere Bedeutung zu. Zuvor hatte es schon von manchen an der Strecke liegenden Städten und Dörfern Proteste gegenüber dem "dem Lande verderblichen Unternehmen" gegeben.

Am 12.12.1847 war es dann aber soweit, dass der erste Dampfzug auf der Strecke fuhr. Die Eröffnung der Eisenbahn machte eine ausgedehnte Werbung der Kaufleute möglich.

Die Fahrzeit zwischen Bremen und Hannover dauerte damals 3 Std. 35 Min. Heute schafft ein moderner Zug die Strecke in rd. 50 Min.. Mit den Zügen wurde auch die Brief- und Paketpost befördert.

In der Gründerzeit am Ende des 19. Jahrhunderts ist insbesondere in der Ortschaft Dörverden eine starke Veränderung von der bäuerlich geprägten Struktur hin zum Handwerk zu erkennen.

1903 beginnt der Bau der Eisenbahn von Verden nach Celle (über Wahnebergen, Westen, Hülsen). Am 20. März 1905 finden die Eröffnungsfeierlichkeiten für die Strecke Verden - Schwarmstedt statt.

Noch nimmt die Landwirtschaft den breitesten Raum im Erwerbsleben ein. Daneben auch die Fischerei. Im August 1902 werden 2000 Pfund Lachse, 1903 noch ein Stör von 235 Pfund gefangen. Das sollte sich aber bald ändern.

Große Veränderungen in der Landschaft bringt nach der Eisenbahn die Weserregulierung bei Dörverden/Stedorf. Baubeginn war 1911. Der Weserbogen (Lohofschleife) wird mit einem Kanalbau durchschnitten. Ein Stauwehr und ein Wasserkraftwerk sowie eine Schleuse werden errichtet. Ab November 1913 wurde zuerst Strom durch Dampfkraft erzeugt. Ein halbes Jahr später gingen die ersten beiden Wasserturbinen in Betrieb.

Es ist vorstellbar, dass der Einsatz von Elektrik auch in den ländlichen Bereichen starke Veränderungen nach sich zog. Dies war im Handwerk sowie in den Haushalten sicher nach und nach spürbar.

Fast zeitgleich tun sich in Hülsen starke Veränderungen auf.

Am 8. Juni 1911 begannen in Hülsen die Arbeiten, einen Schacht in rd. 11 1/2 Monaten bis in die Steinsalzvorkommen abzuteufen. Bis zum Juni 1912 war man auf eine Tiefe von 630 m vorgedrungen.

Auch in der Gemarkung Ahnebergen hat man begonnen, einen Schacht in den dortigen Salzstock zu treiben.

Das Kaliwerk Hülsen war von 1912 bis 1924 in Betrieb. Zeitweise waren dort bis zu 650 Personen beschäftigt. Der Ahneberger Schacht ging nicht in Betrieb und das Kaliwerk Hülsen mußte geschlossen werden, weil die Weltmarktsituation einen wirtschaftlichen Betrieb nicht mehr erlaubte.

Zeugen dieser Zeit sind in Hülsen noch sehr gut zu erkennen in Gebäuden auf dem Betriebsgelände der heutigen NORKA sowie einem ganz neuen Ortsteil, der nördlich des bisherigen Bauerndorfs Hülsen angelegt wurde.

Von 1934 bis 1939 war auf dem Gelände eine Motorsportschule untergebracht. Die Schächte wurden als Munitionsdepot ausgebaut.

Aus dieser Zeit kommt auch eine weitere starke Veränderung. Im Wald bei Barme wurde Ende der 30-er Jahre eine Pulverfabrik, die "EIBIA", errichtet. Zwischen Dörverden und Stedorf baute man als Unterkünfte für die dort Beschäftigten das sog. Steinlager.

Dort waren im Kriege Fremdarbeiter sowie auch Kriegsgefangene beschäftigt. So mancher ist unter den gefährlichen Bedingungen der Pulverproduktion umgekommen. Auf dem Friedhof an der Bundesstraße finden sich mehrere Gräber von Männern und Frauen aus dem westlichen und überwiegend aus dem östlichen Europa.

Im Krieg ist es hier zu keinen flächenhaften Bombardierungen gekommen. Zum Kriegsende fanden im Gemeindebereich glücklicherweise keine spektakulären Kampfhandlungen statt. Allerdings gab es bei Kampfhandlungen im Bereich Barnstedt/Geestefeld doch einige Gefallene. Mehrere Gebäude, auch Wohnhäuser, wurden zerstört oder stark in Mitleidenschaft gezogen.

Nach dem Krieg wurde das Steinlager mit Flüchtlingen und Heimatvertriebenen belegt. Im Bereich der Kalifabrik in Hülsen hat man ein Kreisflüchtlingslager für den Kreis Fallingbostel eingerichtet. Unter den beengten Verhältnissen und den großen Umwälzungen gab es in der Zeit kurz nach dem 2. Weltkrieg viel Kriminalität, Gewalt und mehrere Morde. Das alles normalisierte sich unter den langsam besser werdenden wirtschaftlichen Verhältnissen. Das Kreisflüchtlingslager wurde aufgelöst und für etliche Bewohner in Hülsen Wohnungen gebaut. Im Steinlager in Dörverden blieben viele Familien wohnen, die sich die Wohnungen verbesserten.

Die Heimatvertriebenen integrierten sich in die Bevölkerung und wurden hier seßhaft. Viele bauten ihre Häuser.

In das EIBIA-Gelände in Barme kann man heute gehen. Man findet dort viele nach dem Kriegsende von den Engländern zerstörte Bunker. Die Produktionsanlagen und ein Kraftwerk waren zuvor abgebaut und als Reparationsleistung nach Großbritannien gebracht worden.

Die Siedlungstätigkeit und die gewerbliche Entwicklung nahmen einen stetigen Aufschwung. In Hülsen siedelte sich schon bald nach dem Krieg die NORKA an. Heute gehört sie zu den wichtigsten Betrieben in der Gemeinde.

Im Barmer Wald wurde eine neue Kaserne gebaut, die 1958 von der Bundeswehr belegt wurde ("Niedersachsenkaserne").

Bis 1957 konnte man in Dörverden noch mit einer Fähre die Weser überqueren. Ein Schild auf der westlichen Weserseite hatte folgende Aufschrift:

          Kummst Du anne Werse un wullt da hinöber
          Denn nützt Di keen pfleitjen un ok keen Halaber
          Hau fast: up düt Isen hier mit düssen Hamer.
          Dat hört de Fährmann in Dönzen un Kamer.
          He kummt mit sin Schepp um di to halen.
          Du brukst nich to pfleitjen un ok nich to praeln.

Weitere Fährstellen gab es noch bis 1962 in Barnstedt und bis 1967 in Westen über die Aller und in Barme über die Weser.

Nach und nach bauten die Gemeinden die Infrastruktur aus.

Erste Anzeichen einer Gebietsreform gab es, als Dörverden und Stedorf sich 1962 freiwillig zusammenschlossen und mit dem Bau einer Kanalisation begannen.

Durch die Gemeinde Dörverden sowie durch die Gemeinden Hülsen und Westen wurden die bestehenden Dorfschulen durch Neubauten erheblich verbessert.

Eine Gebietsreform 1972 führte nach teilweise harten Verhandlungen zu einer Neubildung der Gemeinde Dörverden aus den früheren Gemeinden Barme, Barnstedt, Diensthop, Dörverden, Hülsen, Stedebergen, Wahnebergen, Westen.

Der Bahnhof Dörverden wurde 1979 geschlossen und die Bahnstrecke von Wahnebergen bis Rethem 1992 stillgelegt. Mit starkem finanziellem Engagement der Gemeinde unter Beteiligung des Landes und des Landkreises Verden konnte der Bahnhof Dörverden am 28. Mai 2000 wieder eröffnet werden. Täglich halten hier 50 Personenzüge. Das ist ein großer Meilenstein für die weitere Entwicklung der Gemeinde. Mit dem Zug ist man heute in 6 Minuten in Verden und in 26 Minuten in Bremen.

Die stillgelegten Kalischächte in Hülsen sind seit Mitte der 1970-er Jahre mit Rohöl gefüllt. Die Einlagerung dient der nationalen Rohölreserve. Derzeit wird das Öl nach und nach wieder abgepumpt.

Nach und nach wurden z.T. bestehende Infrastruktureinrichtungen ausgebaut wie z. B.

- die Kanalisation in fast alle Ortschaften hinein
- Wasserversorgung.
- Gasversorgung in den größeren Ortschaften
- das Schulsystem einschließlich der dazugehörenden Sporteinrichtungen
- die Kindergärten in den größeren Ortschaften
- Altenwohnungen
- zwei Alten- und Pflegeheime

Am 1.9.2003 wird die „Niedersachsenkaserne" in Barme nach 44 Jahren der Nutzung durch die Bundeswehr geschlossen. Zwischenzeitlich waren dort bis zu 4.000 Soldaten stationiert - zuletzt noch rd. 1.000.

Die Gemeinde versucht in Zusammenarbeit mit vielen Institutionen eine Nachnutzung des Kasernenbereichs zu erreichen. Heute (2010) gibt es ernsthafte Absichten, das Gelände durch einen Gleisanschluss für gewerbliche Ansiedlungen zu erschließen. Das Bau- und Gleisbauunternehmen H. F. Wiebe GmbH beabsichtigt, dort einen großen Teil der Fläche zu nutzen.

In der Ortschaft Westen steht an der Aller das ehemalige Amtshaus Westen, das 2006 mit großem Aufwand renoviert wurde und jetzt für kulturelle, touristische und örtliche Veranstaltungen genutzt wird - mit Ausstrahlung in das gesamte Aller-Leine-Tal.

In der Ortschaft Dörverden wird 2010 durch die H. F. Wiebe-Stiftung das Kulturgut „Ehmken Hoff" fertiggestellt. Auf der Freifläche hinter dem Rathaus werden zwei abgebaute historische Bauernhäuser (Ehmken Hoff und Kochs Hoff) mit Nebengebäuden wieder aufgebaut. Sie sollen für kulturelle, soziale, integrative, heimatkundliche und Bildungszwecke genutzt werden.

Dörverden zeigt sich heute als ein relativ gut strukturiertes Grundzentrum, das die Grundbedürfnisse seiner Einwohner befriedigen kann.

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(1) S. J. Osmers/Amt und Dorf Westen, S. 52 ff

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